Der falsche Burnout: Mein Weg zur inneren Ruhe

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Es war länger ruhig auf meinem Blog, das hat auf der einen Seite mit meinem neuen Job zu tun, aber auch mit einer kleinen Reise. Dies ist meine Geschichte über Erschöpfung und dem Weg der letzten Jahre, allerdings eine völlig andere, als ich ursprünglich dachte.

Wenn ihr meinen Blog schon länger lest, erinnert ihr euch vielleicht an meinen Beitrag “Put on your own mask before assisting others“. Damals schrieb ich über das leise Ertrinken, über die absolute Erschöpfung und darüber, wie ich auf der letzten Reserve lief. Ich nannte es Burnout. Heute, mit etwas Abstand und einer offiziellen ADHS Diagnose, weiß ich: Es war kein klassischer Burnout, es war ein ADHS-Burnout.

Es war die Erschöpfung eines Gehirns, das ein Leben lang ohne Filter auf 200 % laufen musste, um in einer neurotypischen Welt zu funktionieren. Ein Gehirn, das sich seinen Fokus durch Stress, Adrenalin und die ständige Panik vor Deadlines erkaufen musste. Der Preis dafür war hoch: ein permanent angespannter Körper und leere Batterien.

Eigentlich wusste ich schon seit etwa acht Jahren, dass ich ADHS habe. Ich habe mich aber bewusst nie offiziell diagnostizieren lassen. Ich wollte diesen “Stempel” nicht haben und war fest davon überzeugt, dass mein über die Jahre aufgebauter Werkzeugkasten an Strategien, wie ich mit den Symptomen umgehe, völlig ausreicht. Doch dann kamen die letzten Jahre. Die Corona-Pandemie und andere Herausforderungen haben extrem viel Energie gefordert, die an anderer Stelle aufgebracht werden musste. Das führte unweigerlich dazu, dass immer weniger Energie für die eigentliche Symptombekämpfung und das ständige Kompensieren übrigblieb. Mein Werkzeugkasten stieß schlichtweg an seine Grenzen.

Die offizielle Diagnose wurde schließlich aus einem ganz pragmatischen Grund notwendig: um überhaupt die Möglichkeit zu haben, Medikamente zu testen. Ich stand vor der großen Frage: Soll ich diesen Schritt wirklich gehen? Es ist eine sehr persönliche Entscheidung, aber ich wollte zumindest herausfinden, ob Medikamente mir diesen fehlenden Filter geben können, der mir all die Jahre so viel Energie geraubt hat. Nach einiger Recherche und ärztlicher Rücksprache fiel meine Wahl auf Lisdexamfetamin. Der entscheidende Grund dafür war das Wirkprofil: Es ist ein Langzeitpräparat, eine sogenannte Prodrug, die erst im Körper nach und nach aktiv umgewandelt wird. Das versprach eine lange, gleichmäßigere Wirkdauer ohne die extremen Achterbahnfahrten von kurzwirksamen Präparaten, also genau das, was ich für lange Arbeitstage und den Familienalltag benötige.

So habe ich vor Kurzem mit der Medikation begonnen. Aber wer glaubt, dass eine Pille die Lösung für alles ist, den muss ich enttäuschen. Die Medikation ist nur der Motor. Der Rest muss von einem selbst, u.a. durch Verhaltensänderungen, kommen. Die letzten Wochen waren eine intensive Reise, den eigenen Körper zu verstehen, des Scheiterns und des Lernens. Ich möchte meine Erkenntnisse hier teilen, in der Hoffnung, dass sie vielleicht jemandem von euch helfen, der gerade im selben Boot sitzt.

Der Zündschlüssel: L-Tyrosin und Blutzucker

Ich dachte, ich wüsste grundsätzlich, wie mein Körper funktioniert. Aber ein ADHS-Gehirn auf Medikation hat eigene Spielregeln. Die erste Regel, die ich lernte, war, dass Proteine ein Zündschlüssel sind.

Genauer gesagt geht es um die Aminosäure L-Tyrosin. Sie ist der direkte Baustein, aus dem unser Gehirn Dopamin herstellt. Man kann das über Supplements wie reines L-Tyrosin oder DLPA (DL-Phenylalanin) zuführen, aber eine solide Basis aus Proteinen am Morgen (für mich am besten kurz nach der Einnahme) macht noch etwas anderes. Gerade wenn man auf pflanzliche Proteinquellen setzt, stabilisieren sie den Blutzucker, und das ist für mich ein wichtiger Baustein für den Tag. Ein konstanter Blutzuckerspiegel ist essenziell, damit das Lisdexamfetamin gleichmäßig wirken kann und man nicht plötzlich in ein tiefes Unterzuckerungsloch fällt. Ohne diesen Zündschlüssel läuft das Gehirn unrund.

Vom Adrenalin zur fokussierten Ruhe

Das vielleicht Wichtigste, was ich gelernt habe, ist der Unterschied zwischen Adrenalin-Fokus und Dopamin-Fokus. Jahrelang habe ich mich unbewusst über extremen Sport, Zeitdruck und Stress selbst medikiert. Das Adrenalin war mein Ersatz-Dopamin.

Das Problem? Adrenalin versetzt den Körper in den permanenten Kampf-oder-Flucht-Modus. Man funktioniert zwar irgendwie, aber man brennt innerlich aus. Es führt zu einer ständigen Grundanspannung im Körper und oft auch zu einer extrem kurzen Zündschnur, was gerade im Familienalltag nicht hilfreich ist.

Heute suche ich die fokussierte Ruhe, für mich der optimale Zustand des ADHS-Managements. Ich erreiche sie, indem ich die Medikation mit gezielter Vagusnerv-Regulation kontere. So helfen mir z.B. 20 Minuten Yoga Nidra, wenn ich Zeit habe, oder auch 5 Minuten Atemmeditation schon um einen ruhigen Zustand für das Gehirn herzustellen. Der Kopf wird vollkommen klar, die Gedanken sind messerscharf, aber der Körper bleibt absolut ruhig. Ich habe eine hochfunktionale kognitive Leistung und gleichzeitig den perfekten Ruhepuls.

Der Fokuspanzer: Hydration & die Don’ts

Wir alle wissen, dass wir genug trinken sollten. Aber mit ADHS-Medikamenten ist das kein nice to have mehr. Die Medikation trocknet aus, eine Nebenwirkung ist ein ständig trockener Mund, und sie entzieht dem Körper Elektrolyte. Vergesse ich das Trinken, baut sich im Laufe des Tages ein “Fokuspanzer” auf, eine körperliche Grundanspannung, die sich vor allem im Nacken wie ein Schraubstock anfühlt. Mein Weg daraus ist eine 0,75l Flasche mit vier Gummibändern. Jedes Mal, wenn sie leer ist, wandert ein Band vom Rumpf an den Hals der Flasche. Micro-Gamification, die die kognitive Last externalisiert.

Neben den Dingen, die helfen, gab es aber auch einige harte Lektionen über Dinge, die ich besser lassen sollte:

  • Das Kaloriendefizit: Am Anfang der Medikation war ich im Kaloriendefizit. Ein riesiger Fehler. Die Medikation kurbelt den Stoffwechsel an und unterdrückt oft das Hungergefühl. Wenn man dem Körper dann noch Energie entzieht, führt das direkt zur harten körperlichen und geistigen Erschöpfung. Das Gehirn braucht ausreichend Brennstoff, um zu funktionieren.
  • Kaffee (Koffein): Die Kombination aus Lisdexamfetamin und normalem Kaffee ist für mich innerhalb der ersten 5-6 Stunden problematisch. Es pusht das Herz-Kreislauf-System zu stark und triggert genau das Adrenalin, das ich eigentlich vermeiden will. Meine Alternative ist eine große Kanne schwarzer, entkoffeinierter Tee. Das gibt mir das wohlige Ritual eines Heißgetränks am Morgen und zahlt gleichzeitig auf meine Hydration ein.

Aus Erkenntnissen Konsequenzen ziehen

In einem anderen Beitrag schrieb ich “We should take action on the insights we have.”. Das gilt auch für uns selbst. Wenn wir merken, dass die exekutive Funktion am Nachmittag nachlässt, sprich der sogenannte Rebound anfängt, dann bringt es nichts, sich mit purer Willenskraft durch die weiteren Stunden durchzuquälen.

Ich muss lernen, auf die Signale zu hören. Ein “Nappuccino” (15 Minuten Powernap + ein Espresso) zur Mittagszeit wirkt bei mir Wunder. Und wenn der Kopf nach 5 Stunden Besprechungen leer ist, dann ist das kein Versagen, sondern Biologie. Dann braucht es keine Selbstherabsetzung, sondern im besten Fall einen sogenannten Somatic Release. Das kann eine Infrarot-Decke, ein HIIT Training was den Kopf freipustet, ein Spaziergang oder einfach nur mal 10 Minuten aus dem Fenster schauen ohne irgendwas anderes zu tun.

Die wahre Superkraft

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich schon viel früher, im besten Fall schon im Kindesalter, mit Medikamenten angefangen hätte? Wäre vieles leichter gewesen? Bestimmt. Aber ich blicke nicht reumütig zurück. Im Gegenteil, ich bin sehr glücklich darüber, wo ich heute im Leben stehe.

Tatsächlich sehe ich es mittlerweile so, dass das Medikament selbst nicht die Superkraft ist. Es ist vielmehr das Werkzeug, das meine eigentlichen Superkräfte freilegt. All die Werkzeuge, die ich mir über die Jahre mühsam angeeignet habe aber nie nutzen konnte, wie z.B. Zeitmanagement, das Strukturieren von Arbeit, die Pomodoro-Technik für fokussiertes Abarbeiten, all das kann ich nun endlich wirklich und nachhaltig nutzen.

Hätte ich frühzeitig mit Medikamenten angefangen, hätte ich wahrscheinlich nie den Drang verspürt, so viele verschiedene Werkzeuge auszuprobieren. Ich hätte mich vermutlich immer mit der erstbesten Lösung zufriedengegeben. So habe ich mir aber aus der Not heraus einen riesigen Fundus an Bewältigungsstrategien aufgebaut, auf den ich heute in Kombination mit dem Medikament aus dem Vollen zurückgreifen kann.

Ich lerne noch jeden Tag dazu. Aber der Wechsel von der ständigen Überlebensstrategie hin zur aktiven Gestaltung meiner Energie ist ein Privileg, für das ich enorm dankbar bin.

Passt auf euch auf, hört auf euren Körper und vergesst nicht: Kümmert euch erst um euch selbst, bevor ihr anderen helft.

Zusätzliche Links (die mir geholfen haben, zu verstehen)

https://www.reddit.com/r/VyvanseADHD/comments/13x8h87/comment/jmlsnmb/

https://www.podcast.de/podcast/3578882/archiv

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